Der fundamentale Attributionsfehler ist ein psychologisches Phänomen, das besagt, dass wir Menschen dazu tendieren, Handlungen der Persönlichkeit statt z.B. dem situativen Kontext zuzuschreiben. Daher wundert es mich nicht, dass das Scheitern umso gruseliger wird, wenn wir Misserfolge direkt an unsere Persönlichkeit oder sogar unseren Wert binden.
Dinge einordnen und verstehen zu wollen, liegt in der menschlichen Natur. Wie wäre es aber, wenn du dich oder andere nicht direkt in die Schublade “unzuverlässig”, “faul” oder “undiszipliniert” steckst, nur weil etwas nicht den geplanten Standard erfüllt hat? Was war noch alles los in der Woche, in der du dein Ziel nicht erreicht hast? Wer war sonst noch wie in “den letzten Misserfolg” involviert und was könnten Gründe sein, die gar nichts mit deiner Person zu tun haben?
Natürlich liegt nicht immer alles am Außen und die Dinge sind selten schwarz oder weiß, aber mir hat es definitiv geholfen, Kontextfaktoren aktiver in meine Bewertungen miteinzubeziehen.
Paradoxerweise sind es oftmals unsere “Misserfolge”, die uns im Leben ziemlich viel beibringen und damit unsere Persönlichkeit positiv prägen können. Das bemerke ich nicht nur bei mir selbst, sondern auch bei mir nahestehenden Menschen: ob nun der Freund, der nach der gescheiterten Gründung sehr viel nahbarer und offener für andere Perspektiven ist oder der ehemalige Kollege, der trotz großer Aktienverluste vor 25 Jahren heute unbesorgt in Rente gehen kann.
In Momenten, in denen ein aktueller Misserfolg aber noch ganz frisch und schmerzvoll ist, nützt dieses Wissen vielleicht noch wenig… da könnte Punkt 2 besser passen.
Ich habe lange nicht so richtig begriffen, was dieses “Emotionen fühlen” so wirklich bedeutet. Vielleicht hab ich das bis heute immer noch nicht ganz. Was für mich aber gut funktioniert, ist in Momenten, in denen etwas einfach nur BÄH, AUA oder schlichtweg ZU VIEL ist, mal kurz Pause zu machen und für 5-10 Minuten nichts zu tun, außer zu atmen. Am besten in die Stelle in meinem Körper, in der das Gefühl besonders stark spürbar ist. Die hierbei auftretenden Gefühle, Gedanken und Bilder lasse ich dabei bestmöglich zu – ohne diese als richtig/falsch, wahr/unwahr, gut/schlecht zu bewerten. Diese Übung mache ich mit meinen Klient:innen übrigens auch im Coaching, um sanft und langsam aus festgefahrenen Gedankenspiralen auszutreten.
Im Kontext von Scheitern finde ich das Gefühl von Angst besonders erwähnenswert. Diese halte ich nämlich für nichts, das es zwingend “abzubauen” gilt. Vielmehr ist die Angst [genauso wie alle anderen Gefühle auch] ein wichtiger Wegweiser, wenn etwas gerade möglicherweise zu viel, zu wenig oder zu schnell ist. Gerade nach einem “frischen” Scheitern halte ich einen zeitweiligen Rückzug für sehr sinnvoll – besonders wenn man [wie z.B. ich] eine Tendenz zum vor-schnellen Handeln hat.
Problematisch wird’s erst, wenn die Angst uns auf Dauer lähmt und lieber im sicheren Exil des [Zer]-Denkens festhält.
Im Coaching geht es manchmal genau darum: Angst und andere Gefühle wie [Vor]-Freude und Neugier als wichtige Wegweiser anerkennen und in eine pragmatische Entscheidungsfindung integrieren. Das geht aber selten auf einmal und sofort. Da kommt Punkt #3 ins Spiel:
Ich erinnere mich noch genau daran, wie sich mir der Magen umgedreht hat, als ich die ersten drei “fremden” Organisationen im Rahmen eines kostenlosen Info-Seminars angeschrieben habe. Mir wurde sofort übel und ich habe die genervten, bzw. ausbleibenden Reaktionen bereits in meinem Posteingang gesehen. Was tatsächlich passierte: 2 von 3 meldeten sich direkt innerhalb der ersten 24 Stunden an. Das gab mir den Mut, die Aktion im im nächsten Schritt auszuweiten. Es folgten insgesamt 67 Anmeldungen von etwa 120 kontaktierten Organisationen [was übrigens vor allem an der damaligen Relevanz des Themas lag].
Hätte ich direkt alle Organisationen angeschrieben, wäre ich wahrscheinlich in Grund und Boden versunken. Ich brauchte eine kleine Pause mit positiven Zwischenergebnissen, um weiterzumachen. Wann und wo könntest du öfter mal Pausen einbauen?
Bis hierhin waren das alles noch ziemlich individuelle Erfahrungen und Prozesse. Die für mich wichtigste Ressource sind und waren aber Beziehungen: nicht nur die engsten, sondern auch meine sogenannten “Weak Ties” [übersetzt: “schwache Bindungen”]. Das sind Menschen, mit denen wir vielleicht nicht eng, aber dennoch in Kontakt stehen. Bei mir waren es rückblickend betrachtet oft genau solche “Weak Ties”, die mir zu neuen Wohnungen, Jobs und wichtigen Kontakten verholfen haben. Ebenso freut es mich immer sehr, wenn ich eine hilfreiche “Weak Tie” für jemand anders sein kann. Beim tatsächlichen Scheitern werden jedoch eher die uns am nächsten stehenden Menschen relevant.
Mein persönliches Fallnetz waren zum Beispiel meine Eltern, die mich kurzzeitig finanziell unterstützten, als ich meinen ersten “richtigen” Job in der Probezeit kündigte. Genauso wie die Menschen, die mich immer wieder mit Zuspruch, Humor und einem offenen Ohr unterstützen, wenn ich mal im Schmerz des [erwarteten] Scheiterns stecken bleibe.
Wenn du bis hierhin gelesen hast: wer ist eine Person, die dich zuletzt durch konkrete Unterstützung, Zuhören oder auf andere Weise unterstützt hat? Bedank’ dich doch mal ganz explizit und von Herzen bei ihr…und halt die Augen offen, wo du vielleicht auch diese Person für jemand anders sein kannst.
Auf diese Weise können wir nämlich auch ohne übermäßige Selbstoptimierung unsere Kapazität für [erwartetes] Scheitern ausweiten und wieder mehr wagen – beruflich als auch privat!