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"Ich sollte mal an meiner Kommunikation arbeiten”

 

Nicht selten fällt bei mir beruflich und privat der Satz, dass “jemand mal an seiner Kommunikation arbeiten sollte.” Wertvoll ist schon mal, wenn in diesem Satz bereits von sich selbst statt von den anderen gesprochen wird. Auf unser Verhalten haben wir nämlich Einfluss.

 

In diesem Beitrag möchte ich ein paar Einblicke geben, wie die Arbeit an der eigenen Kommunikation konkret aussehen kann und welche Themen aus meiner Sicht eng damit verbunden sind.

#1 Haltung spricht durch Sprache

Hinter Kommunikationsproblemen stehen oftmals verfestigte Überzeugungen über uns selbst oder andere. Ob das nun etwas wie “ich werde nicht gehört/gesehen” oder “ich bin grundsätzlich schlauer als andere im Raum” ist: beides wirkt auf ähnliche Weise, aber in unterschiedliche Richtungen:

 

  • in Meetings entweder zu lange oder zu selten überlegen, bevor man spricht
  • zu viele Worte für Erklärungen nutzen oder erst gar nicht erklären
  • fragende oder unverständliche Blicke vorschnell auf die eigene oder die Intelligenz unseres Gegenübers beziehen
  • selektives [Nicht]-Zuhören: je nachdem, welche Stereotype wir in uns tragen, hören wir bei bestimmten Personen mal schneller weg, während die Worte anderer auf die Goldwaage gelegt werden

 

Ebenso sind Überzeugungen über die Welt und Menschen generell ein wesentlicher Faktor, der unsere Kommunikation beeinflusst. Wer davon ausgeht, dass eine schlechte Verhaltensweise direkt einen schlechten Menschen macht (Fundamentaler Attributionsfehler), wird das auch in der verwendeten Sprache deutlich machen. Wer hingegen sanfter auf sich und andere schaut, wird öfter von konkreten Situationen und Umständen statt “solchen und solchen Menschen” sprechen. Hör beim nächsten Mal gern genauer hin, welche Überzeugungen über dich und andere so zum Vorschein kommen, wenn du [mit dir selbst] redest.

#2 Konflikte sind Bühnen für Strukturen

Immer wieder beobachte ich, wie Einzelpersonen oder Teams Konflikte austragen, die eher auf Rollen oder Prozesse zurückzuführen sind. Beispielsweise kann das Fehlen einer Sammel- und Priorisierungsstelle für Anfragen dazu führen, dass ganze Abteilungen aufgrund längerer Antwortzeiten als “faul” oder “unkooperativ” gelten. Entsprechend kühl und kritisch fällt dann die Kommunikation mit diesen Abteilungen aus. Oder wenn sich über die eintönigen Beiträge von Kolleg:innen in Inselpositionen beschwert wird, statt hinzuschauen, wo wir diese formell und informell besser einbinden können. Besonders einprägsam fand ich mal eine Auseinandersetzung zwischen einem externen Berater und einem langjährigen Teammitglied. In der Aufarbeitung des Falls zeigte sich, dass die fehlende Klarheit darüber, warum Stellen gekürzt und gleichzeitig externe Berater:innen gehalten werden, einer der wesentlichen Gründe für den persönlichen Konflikt war. Egal ob es sich um Teams oder andere Systeme handelt, Kommunikationsprobleme als Symptome statt Ursachen zu betrachten, kann wertvolle Informationen hervorbringen.

#3 Techniken als Schlüssel zu mehr Tiefe

Schon kleine methodische “Hacks” wie unserem Gegenüber eine vertiefende Frage zu stellen oder auch einfach mal eine Pause zuzulassen, statt die eigene Sichtweise schnellstmöglich zu verteidigen, kann unerwartete [positive] Ausmaße annehmen. Voraussetzung ist, dass wir offen für neue Dynamiken und Sichtweisen sind, die sich dadurch ergeben können. Manch eine:r nutzt solche “Tools” erstmal, um egoistische oder von außen vorgegebene Ziele in Bezug auf Beliebtheit, Nähe oder Status zu erfüllen. Das sehe ich übrigens gar nicht mal so kritisch. Vor allem nicht, wenn hierbei im Prozess “ganz aus Versehen“ mehr Neugier und Offenheit für neue Perspektiven entsteht.

Pro-Tipp: Vergiss’ nicht, deinem Gegenüber Fragen zu stellen, die dich wirklich interessieren. Ansonsten besteht das Risiko, dass du beim Weghören erwischt wirst und deine Beliebtheit aufgrund deines neuen Kommunikationstools eher sinkt;D

#4 Meistens hat unser Zuhause damit zu tun

Unser Elternhaus prägt, wie wir kommunizieren. 

 

  • Wie wurden Unstimmigkeiten [nicht] besprochen?
  • Worauf wurden diese üblicherweise zurückgeführt?
  • Wurden Konflikte eher repariert oder ignoriert?
  • Welche Art von Kommunikation traf auf Zuspruch, welche eher auf Irritation oder sogar Ablehnung?
  • Welche Sicht auf sich und die [Um]-Welt wurde durch Sprache sichtbar?

Ob wir nun wollen oder nicht, diese Prägungen beeinflussen uns sowohl privat als auch beruflich und können mitunter Grund sein, warum wir in bestimmten Situationen mehr oder weniger empfindlich reagieren. Natürlich bekommen wir von Zuhause ebenso wertvolle Ressourcen für unsere Kommunikation mit. In meinem Fall sind das zum Beispiel Humor und Ehrlichkeit beim Ansprechen kleiner Irritationen. Es ist selten bis nie der Fall, dass uns von Zuhause aus “nur Gutes” oder “nur Schlechtes” in Bezug auf unsere Kommunikation mitgegeben wurde. Bewusstes Hinschauen [z.B. mit den oben genannten Fragen] kann sich also lohnen…

#5 Das Missverständnis ist der Normalfall

Wenn Menschen aufeinander treffen, kommen mehr als nur “objektive Fakten” zusammen. Vielmehr treffen unterschiedliche Vergangenheiten, Prägungen und Bedürfnisse aufeinander, bzw. leider auch mal sehr weit auseinander. Besonders bei Missverständnissen und Konflikten finde ich es daher besonders wichtig, mögliche Wahrnehmungen einer Situation neben- statt übereinander zu legen. Ganz konkret kann das durch Fragen wie “Was ist die Story, die du dir über diese Situation erzählst?” und “Auf welchen Annahmen und Erfahrungen basiert diese Story?” geschehen.

 

Wenn wir aus dieser “Vielleicht weiß ich noch nicht alles” Haltung heraus an Unstimmigkeiten herangehen, klären sich diese meist ohne komplexe Kommunikationstools. 

 

Mit Klienten betrachte ich Situationen, in denen sich Missverständnisse oder Konflikte typischerweise ereignen, gern als “eingespielte Tänze”: Was spielt sich hier immer wieder aufs Neue ab? Was ist meine übliche Reaktion? Wie reagiert mein Gegenüber darauf? Kenne ich diesen Tanz vielleicht aus anderen, früheren Situationen? Im nächsten Schritt schauen wir dann, was minimale Veränderungen solcher Tänze sein könnten.

#6 Struktur schlägt Inhalt

Wenn du unangenehme Tänze in Gesprächen unterbrechen willst, dann ändere einen Schritt und schau zu, wie der gesamte Tanz ganz anders weitergeht. Dieser Schritt muss aber nicht zwingend inhaltlicher Natur sein. Mindestens genauso kraftvoll kann die Wahl deiner Kommunikationswege sein. Beispielsweise lassen sich schriftliche Missverständnisse ganz schnell durch einen kurzen Anruf oder ein persönliches Gespräch aus dem Weg räumen – genauso wie die bewusste Wahl kurzer, schriftlicher Kommunikation eine ernsthaft gesetzte Grenze bekräftigen kann. Ebenso wichtig ist die Frequenz, in welcher Kommunikation stattfindet.

Nicht zuletzt spielt es durchaus eine Rolle, an welchen Orten und zu welchen Zeitpunkten du Themen bewusst [nicht] ansprichst und wer hier ggf. noch anwesend ist. Diesen Punkt finde ich besonders für die Zusammenarbeit in- und zwischen Teams wichtig. Denn oft liegt es nicht an der Qualität oder Leistung, sondern daran, wann, wie und wo sich Themen, Fragen und Ergebnisse gegenseitig zugespielt werden…

Ich hoffe, mit diesem Beitrag ein wenig Farbe in dieses manchmal nicht ganz so einfach zu greifende Thema gebracht zu haben. Zusammenfassend lässt sich sagen:

 

Wenn sich beim nächsten Gespräch ein Stolpern ankündigt, begib dich in die beobachtende, fragende Rolle und finde heraus, was sich zwischen dir und deinem Gegenüber abspielt. Mach’ minimal etwas anders als sonst und schau’ neugierig, was passiert. 

 

Das muss übrigens weder sofort noch perfekt gelingen.